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Affordances (JF)

Affordances

(JF)

Das Konzept der ‚Eignung’ oder ‚Affordanz’ ist das zentrale theoretische Konstrukt der ökologischen Wahrnehmungspsychologie, die sich der Interaktion von Organismus und Umwelt widmet. Es ist von Philosophen und Psychologen eingeführt worden, um eine grundlegende Theorie der direkten Wahrnehmung vertreten zu können, die keine komplexen inneren Repräsentationen und vermittelnde Schlüsse voraussetzt. Eignungen sind in der Umwelt und enthalten genügend Informationen um handlungsleitend zu sein, ohne dass über sie in mentalen Operationen geurteilt werden müsste.

Mit der Einführung des Begriffes der ‚affordance’ behauptet Gibson (1979, 127) eine zentrale Leerstelle in der Psychologie seiner Zeit zu füllen, indem er Eignungen der Umwelt für Handlung benennt (das ’Besteigbare’, ’Greifbare’, ’Sitzbare’) und  dabei  Angebote und Bedrohungen unterscheidet, ihnen also Werte zuordnet. Die grundlegende empirische Hypothese ist, dass Affordanzen direkt wahrgenommen werden und die Wahrnehmung von Objekten mit Eigenschaften demgegenüber derivativ ist. Die Affordanzen selbst sind nicht rein physikalisch beschreibbar und Gibson entwickelt aus diesem Grunde eine erweiterte ontologische Theorie, die solche Entitäten mit einschließt. Heidegger verpflichtet sich in Sein und Zeit zu einer vergleichbaren Ontologie, indem er behauptet, dass wir primär Seiendes von der Seinsart des Zuhandenen wahrnehmen und erst abgeleitet davon Vorhandenes.

Gibsons erklärtes Ziel ist es, die Subjekt-Objekt-Dichotomie zu durchbrechen, indem er einen Fakt aufzeigt, der weder der Umwelt noch dem Organismus zugeschrieben werden kann, der „objektiv wie subjektiv sei, [...] sowohl physikalisch als auch psychisch, und dennoch keines von beidem.“ (129) Dies galt als notorisch unklar und verwirrend. In der Nachfolge Gibsons wurden deshalb – auf andere Stellen Bezug nehmend (127) – Affordanzen als Eigenschaften der Umwelt definiert. Sie wurden dem folgend als Dispositionen aufgefasst und korrespondierenden ‚Effektivitäten’ im Organismus entgegengestellt (Turvey et al.). Dieser Ansatz ist jedoch unbefriedigend. Unter der Standardinterpretation werden Dispositionen (ein Glas hat z.B. die dispositionale Eigenschaft zerbrechlich zu sein) manifest, wenn sich die aktualisierenden Umstände einstellen (wenn der nötige Druck auf ein Glas ausgeübt wird, zerbricht es), während z.B. die ‚Sitzbarkeit’ eines Stuhls sich nicht manifestieren muss, wenn man sie wahrnimmt.

Ausgangspunkt für eine Theorie der Affordanzen sollte deshalb die Aufassung sein, dass mit den Affordanzen eine Relation von Umweltmerkmal und Fähigkeit des Organismus wahrgenommen wird. Diese Relationen sind real. Sie ändern sich allerdings in der Interaktion von Organismus und kognitiver Nische ständig, d.h. nicht nur phylogenetisch sondern auch ontogenetisch. Eine solche Fassung von Affordanzen erlaubt es, sie als Teil der Handlungs-Wahrnehmungsschleifen zu sehen, die im Enaktivismus beschrieben werden. Sie sind damit ein Baustein für eine theoretisch anspruchsvolle enaktive Wahrnehmungstheorie, die direkte Wahrnehmungen verteidigen will. In solcher Funktion (als Bausteine eine Theorie direkter Wahrnehmung) kommen sie bereits in Theorien der Wahrnehmung emotionaler Ausdrücke, sozialer Situationen und der Welt durch Sprache zur Anwendung – während sie für Bildtheorien und ästhetische Wahrnehmung noch nicht systematisch in Anschlag gebracht worden sind.

Literatur (chronologisch)

- Gibson, James Jerome. The Ecological Approach to Visual Perception. Boston: Houghton Mifflin, 1979.

Der Klassiker zum Thema. Der Begriff der ‚Affordance’ wird in diesem Werk als terminus technicus einer Wahrnehmungspsychologie eingeführt, die auf der Interaktion zwischen Nische und Organismus beruht. Für die Herleitung des Begriffes aus der Gestaltpsychologie (insbes. Koffka) mit dem Ziel, nicht in deren Dualismus zwischen phänomenologischem und behavioralem Objekt zu verfallen, vgl. das Kapitel zu „The Origin of the Concept of Affordances: A Recent History“, 138-140. Die Wahrnehmung einer ‚Affordance’ ist für Gibson immer von einer Körperwahrnehmung (Propriozeption) begleitet.

- Turvey, Michael T., Robert E. Shaw, Edward S. Reed and William M. Mace. “Ecological Laws of Perceiving and Acting: In Reply to Fodor and Pylyshyn (1981).” Cognition 9, no. 3 (1981): 237-304.

Dieser Text verteidigt die ökologischen Psychologie und das Konzept der Affordanz gegen das vernichtende Urteil der einflussreichen zeitgenössischen Kognitionspsychologie. Ohne die theoretische Arbeit der Autoren, die einige philosophischen Probleme Gibsons offenlegten und korrigierten und auch empirisch überprüfbare Hypothesen der Theorie formulierten, wäre die grundlegende Theorie vermutlich zu der Zeit nicht in ein Forschungsprogramm übergeleitet worden.

- Reed, Edward S. Encountering the World: Toward An Ecological Psychology. New York: Oxford University Press, 1996.

Evolutionsbiologische Theorie der Affordanzen und generell der Psychologie, die nicht in die vereinfachenden Erklärung einer adaptiven (selektionistischen) Psychologie verfällt. Die Realität der Affordanzen wird hier begründet, indem sie als Quelle des Selektionsdruckes auf Organismen identifiziert werden.

- Scarantino, Andrea M. “Affordances Explained.” Philosophy of Science 70, no. 5 (2003): 949-961.

Knappe und gute Einführung in das Konzept der Affordanzen. Argumentiert für ein Verständnis der Affordanzen als Dispositionen.

- Chemero, Anthony. Radical Embodied Cognitive Science. Cambridge, Mass.: MIT Press, 2009.

Führt ’Affordances 2.0’ ein, die die Veränderungen der kognitiven (oder kulturellen) Nische durch die Handlungen des Organismus und die Rückkoppelung dieser Veränderungen auf die Handlungen innerhalb einer dynamischen Theorie des Geistes erklärt. Gute Übersicht über die Nach-Gibsonianischen Versuche dessen verwirrte Ontologie zu systematisieren mit einem Argument dafür, Affordanzen als Relationen zu beschreiben (Kapitel 7).