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Ausgedehnter Geist 2 (JF)

Ausgedehnter Geist 2 (vorläufig)

(JF)

Ergänzt die ursprünglich auf dem Gleichbehandlungsprinzip beruhende These des Ausgedehnten Geistes (→) um den Gedanken der Komplementarität. Auf Basis des Gleichbehandlungsprinzips argumentieren Clark & Chalmers 1998, dass Elemente außerhalb des natürlichen Organismus als Teil des kognitiven Prozesses zu behandeln seien, wenn diese dieselbe kausale Rolle wie Prozesse innerhalb des Kopfes übernähmen. Diese These ist z.B. von Di Paolo (2009) dafür angegriffen worden, dass mit ihr Kriterien des Inneren als Maßstab für sämtliche kognitive Prozesse angesetzt würden.

Das Prinzip der Komplementarität hebt hervor, dass Elemente und Strukturen außerhalb des Organismus insbesondere vermittels ihrer vom Nervensystem des Organismus verschiedenen Eigenschaften kognitive Leistungen ermöglichen, die in den spezifischen Operation neuronaler Strukturen nicht realisiert werden könnten. Wie John Sutton (2010) gezeigt hat, stellen diese komplementären Elemente auch für Andy Clark, die für die menschliche Entwicklung entscheidenden Sprungbretter für höhere kognitive Leistungen dar und nehmen eine entscheidende Rolle in einer Theorie intelligenten Verhaltens ein. Als Beispiele einer solchen komplementären Struktur sind z.B. die Sprache (vgl. Clark 2006), mathematische Notationssysteme, aber auch soziale Systeme und Institutionen (Gallagher 2009) zu nennen. Der menschliche Organismus zeichnet sich dadurch aus, dass es sich flexibel solchen Strukturen anpassen und sie nutzbar machen kann.

Diese Variante der Theorie des Ausgedehnten Geistes betont, dass kognitive Leistungen des Organismus nur als Zusammenspiel von internen und externen Elementen hinreichend erklärt werden können und eine Beschränkung auf im Individuum verankerte Mechanismen zu kurz greift. In dieser Herangehensweise werden dazu insbesondere evolutionäre Erklärungen – z.B. die Theorie der Nischenbildung aus der Biologie – dafür benutzt, kognitionswissenschaftliche Paradigmata (wie der methodische Solipsismus Jerry Fodors oder der ausschließliche Focus auf lokale Strukturen des Gehirns für die Erklärung kognitiver Leistung) in Frage zu stellen.

Merlin Donald hat in seiner anthropologischen Theorie der ‚Exogramme’ die Rolle von kulturellen Außenweltstrukturen für das menschliche Bewusstsein beschrieben und damit Theorien des ausgedehnten Geistes an philosophische Vorläufer (wie Vico, Peirce, Cassirer) anschlussfähig gemacht.

Literatur

– Clark, Andy. “Language, Embodiment, and the Cognitive Niche.” Trends in cognitive sciences 10, no. 8 (2006).
– Di Paolo, Ezequiel A. “Extended Life.” Topoi 28, no. 1 (2009): 9-21.
– Donald, M. A Mind So Rare: The Evolution of Human Consciousness. WW Norton & Company, 2001.
– Gallagher, Shaun & Crisafi, A.“Mental Institutions.“ Topoi 28, no. 1 (2009)
– Sutton, John. “Exograms and Interdisciplinarity: History, the Extended Mind, and the Civilizing Process,” in The Extended Mind. Ed. by Menary, Richard. Cambridge, Mass.: MIT Press, 2010.