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Enaktivismus (JF)

Enaktivismus

(JF)

Mit ‘Enaktivismus’ wird ein Bündel theoretischen Aussagen und Ideen über die Natur des menschlichen Geistes bezeichnet, dessen Grundaussage ist: Der menschliche Organismus bringt aktiv seine Welt hervor und nimmt sie nicht nur passiv wahr. Er repräsentiert nicht, sondern er interagiert. So allgemein gefasst stellt der Enaktivismus den Gegenentwurf zur Repräsentationalen Theorie des Geistes dar, die sich auf die philosophische Position verpflichtet, dass eine Welt gegeben sei und im Geiste nur gespiegelt würde.

Der ‘enaktive Ansatz’ wurde von Varela, Thompson und Rosch in ‘The Embodied Mind’ (1991) eingeführt. Entwickelt wird er dort in Auseinandersetzung mit den vorherrschenden Kognitionswissenschaften, die den Ansprüchen einer Erklärung des ‘gelebten Körpers’ und der bewusste Erfahrung nicht genügen, weil sie sowohl das Mentale als auch die Biologie in unangemessener Weise konstruieren. Der Enaktivismus erweitert einerseits das Explanandum einer Theorie des Geistes über einfache mentale Zustände (intentionale Zustände und Gegebenheitsweisen) hinaus und schließt Phänomene wie wertenden Lebensbezug, Emotionen, Spontaneität mit ein. Andererseits fordert er, Elemente einer umfassenden biologischen Theorie des Organismus und seiner Umwelt in das Explanans aufzunehmen. Eine Theorie der Verkörperung hat für die Autoren im Anschluss an Merleau-Ponty deshalb diesen Doppelsinn: Theorie des gelebten (‘Leib’/Erfahrung) wie des lebenden Körpers (‘Körper’/Organismus).

Zwei Thesen bestimmen diesen Ansatz: Erstens die These, dass Kognition die Geschichte einer strukturellen Kopplung und gegenseitigen Determinierung von Welt und Organismus sei. Sinn, d.i. normativer Bezug zur Welt, ensteht in dieser Interaktion. Sinn gibt es demnach schon bei einfacheren Organismen, die sich adaptiv auf eine Welt einstellen müssen und damit diese Welt als ‘Umwelt’ gleichursprünglich generieren. Die These ist evolutionstheoretisch bestimmt: Die Geschichte des Lebens ist nicht die einer Anpassung, sondern die einer kreativen Setzung und Kopplung. Kognitive Strukturen entstehen aus diesem Zusammenspiel von Handlung und Wahrnehmung. Hier enthält die Theorie Elemente einer Biologie der Kognition, wie sie Varela in Zusammenarbeit mit Maturana seit den 70er Jahren entwickelt hatte (➝Sense-making), deren zentraler Begriff der Autopoiesis allerdings erst in Weiterentwicklungen der enaktiven Theorie (Di Paolo 2005, Thompson 2007) wirklich zum Tragen kommt.

Die zweite These folgt aus der ersten. Menschliche Kognition und Wahrnehmung sind verkörperte Handlungen (embodied action), Fähigkeiten, mit denen die Welt ‘ergriffen’ wird, und nicht Mechanismen, mit denen sie abgebildet wird. Dies muss sich in den kognitionswissenschaftlichen Erklärungen widerspiegeln. Wenn Kognition eine aus wiederkehrenden Mustern von Handlungs-Wahrnehmungs-Schleifen emergierende Struktur darstellt, kann sie nicht unter Rekurs auf interne mentale Repräsentationen erklärt werden. So erzeugt das Nervensystem (dies ist eine empirische Hypothese der Theorie) wiederkehrende Muster der Interaktion mit der Umwelt Bedeutung, die sich – um ein ganz konkretes Beispiel zu nennen – z.B. als bewusste Wahrnehmung einer bestimmten Farbe ‘dunkelrot’ äußert. Die Radikalität des Ansatzes für die Kognitionswissenschaften wird anhand solcher Erklärungen deutlich: intelligentes Verhalten und bewusste Erfahrung können nicht mehr vermittels der Hypothese, dass ein System auf Basis der Bezugnahme auf mentale Repräsentationen handelt, erklärt werden. Es gibt keine Hirnstruktur, die an sich Farbwahrnehmung realisiert. Erst die wiederkehrende Interaktion mit der Umwelt kann dies leisten.

Eine für unser Kolleg interessante Umsetzung des enaktivistischen Theorie-Modells, die diesen letzten Gedanken ausführt, ist Alva Noës Theorie der enaktiven Wahrnehmung. In ‘Action in Perception’ (2004) argumentiert er, dass Eigenschaften der bewussten visuellen Erfahrung (wie z.B. die Erfahrung einer reichhaltigen, detaillierten Szene in der Umwelt) nicht auf den im Nervensystem gespeicherten Informationen beruhen, sondern auf dem Wissen um Interaktionsmöglichkeiten mit der Umwelt. Ein wahrnehmendes Subjekt erfährt demnach die Szene in seinem Gesichtsfeld als detailliert, weil es ‘weiß’, dass es mit  unbewussten Blicksprüngen die Aufmerksamkeit auf jeden Bereich des Gesichtsfeldes richten könnte.

Der ‘radikale Enaktivismus’ (Hutto 2005) kritisiert an diesem Modell die Rolle, die repräsentiertes Wissen von Handlungsmöglichkeiten in den Erklärungen spielt und schlägt deshalb vor, auf den Wissensbegriff in den Erklärungen mentaler Episoden gänzlich zu verzichten.

Literatur

- Di Paolo, Ezequiel A. “Autopoiesis, Adaptivity, Teleology, Agency.” Phenomenology and the Cognitive Sciences, no. 4 (2005): 429-452
Entwickelt die enaktivistische Theorie auf der Basis einer um den Begriff der Adaptivität erweiterten Theorie der Autopoiesis und argumentiert, dass nur vermittels dieses Konzeptes Kognition erklärt werden könne.

- Hutto, Daniel D. “Knowing What? Radical Versus Conservative Enactivism.” Phenomenology and the Cognitive Sciences, no. 4 (2005): 389-405.
Analytisch klarer Text, der anhand der Sensorimotorischen Theorie Grundzüge des Enaktivismus darlegt und das Radikale des enaktiven Ansatzes in der Ausarbeitung einer kognitionswissenschaftlichen Theorie des “wissen, wie” im Gegensatz zu den philosophischen Theorien des “wissen, dass” sieht.

- Noë, Alva. Action in Perception. Cambridge, Mass.: MIT Press, 2004.
Umfassende und in der Philosophie der Wahrnehmung viel diskutierte Studie zur enaktiven Wahrnehmung, die v.a. am Beispiel des Sehens die Rolle der Interaktion mit der Umwelt und des Wissens um Handlungsmöglichkeiten als zentrales Eplanans durchdekliniert. Die These: Sehen ist wie ein aktives Abtasten der Umwelt zu verstehen, oder gar wie ein Tanz mit der Welt.

- Thompson, Evan. Mind in Life: Biology, Phenomenology, and the Sciences of Mind. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 2007.
Weiterentwicklung und Ausführung der Theorie aus ‘The Embodied Mind’ mit Fokus auf einer philosophisch-kritischen Anbindung an die Phänomenologie Husserls und deren Ausarbeitung zu einer Neurophänomenologie. Wiedereinführung des Konzepts der Autopoiesis, das in ‘The Embodied Mind’ keine zentrale Rolle spielt. Für eine Kurzeinführung interessant ist insbesondere die Formulierung von fünf Grundideen des enaktiven Ansatzes auf S. 13.

- Varela, Francisco J., Evan Thompson, Eleanor Rosch. The Embodied Mind: Cognitive Science and Human Experience. Cambridge, Mass.: MIT Press, 1991.
Der ‘Klassiker’ des Enaktivismus. Die Kernthesen des enaktiven Ansatzes werden in den Kapiteln 7-9 verhandelt.