Kolleg-Forschergruppe Bildakt und Verkörperung » Ankündigungen » Tagung “Über Kritzeln”

Tagung “Über Kritzeln”

Tagung “Über Kritzeln”

Am 06. Juni 2011 fand im Literaturmuseum der Moderne in Marbach der erste Teil der Tagung „Über Kritzeln“, organisiert vom Graduiertenkolleg Schriftbildlichkeit, statt. Kritzeleien, so kündigten die Organisatorinnen an, treten als Rätsel, Abfallprodukt und Nukleus des Kreativen zugleich auf. An den Randbezirken von Schrift und Bild verweisen sie auf die Gestik und Materialität sowie die Affektivität und Spontaneität im Schreiben und Zeichnen.

In diesem Sinne analysierten die Vortragenden konkretes Kritzelmaterial, das von Sudelbüchern über Protokolle aus naturwissenschaftlichen Laboren bis hin zu Schriftbildern reichte. Vorgestellt wurden etwa Klopstocks handschriftliche Korrekturen seiner Gedichte, die dieser in seine eigenen Bücher notierte. Durch die Notationen zu Metrik und Betonung entstanden so permanent neue Variationen des eigenen Werks. Ein weiteres Beispiel bildeten astronomische Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, die in immer neuen Irrungen und Wirrungen die Gestalt der Andromedanebel zu fassen suchten. In einem Brief von Ruskin wird so schließlich sichtbar, wie das manische Wiederholen des Spiral-Krakels vom Erkenntnisinstrument zum Anzeichen völliger Erschöpfung kippen konnte.
Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, allem Kritzeln etwas Manisches. Dies könnte die Lehre aus dem Spiral-krakel sein, die auch den Gedanken, dass sich im Kritzeln lediglich unmittelbarer, spontaner Ausdruck findet, in Frage stellt. Weiter bestärkt wurde diese Vermutung durch den Vortrag zu Lichtenbergs Sudelbüchern. Auch dieser hat scheinbar seine Kritzeleien weniger spontan kreiert, als vielmehr mit ihnen bei der Relektüre den Text zu strukturieren, zu gliedern, zu beschildern.
Das Gipfeltreffen von Zauber und Manie findet aber sicher in Hantais überdimensionalem Gemälde „Peinture, Ecriture Rose“ statt, dessen aquarelliger rosa Schein sich in Nahsicht als eine über und über mit farbiger Schreibschrift bedeckte Leinwand erweist. Hier schwankt die Schrift zwischen heilig und profan, der Betrachter zwischen Nähe und Ferne zum Bild und das Bild selbst zwischen ausbuchstabierter Prozessontologie und dem ewigen Werden selbst.
So manisch wie der Kritzler soll auch der Kritzelforscher sein. Bildaktivisten, Verkörperte und ausgedehnte Geister sind aufgerufen dem zweiten Teil der Tagung „Über Kritzeln“ vom 9.-11. Juni an der Freien Universität beizuwohnen!
Rebekka Hufendiek