Kolleg-Forschergruppe Bildakt und Verkörperung » Denkbild Ellipse

Denkbild Ellipse

Denkbild Ellipse

Leitung: Dr. Pablo Schneider, Mitarbeiter: Franz Engel, Dr. des. Jan Konrad Schröder, Philipp Ruch

Das moralische Dilemma – Frühneuzeitliche Bildkonflikte

Über mehrere Jahrhunderte wurde die europäische Bildproduktion von einem Kanon geprägt, welcher von theologischen, dann auch mythologischen Inhalten bestimmt wurde. Der Fundus an Themen war eingeschränkt, doch in seinen Motiven differenziert. In dem insbesondere ein Mehr an Wissen des Betrachters, nicht zu einer intellektualisierten Betrachtung führte, sondern zu einer energetischen Aufladung der Deutung. Der Arbeitsbereich geht jenen kleinen Abweichungen nach, welche, eingeflochten in tradierte Darstellungsformen, dem Bildsinn eine dynamische Wendung zu geben vermochten. Diese veräußert sich steigernd in den durch Gestik und Gebärde ausgetriebenen Pathosformeln. So verbindet die untersuchten Darstellungen eine immanente Potentialität, die den Betrachter aktiv in einen Entscheidungskonflikt zwingt.
In der Form des verinnerlichten Konflikts werden moralische Überlegungen aufgeworfen, die erst bei genauerer Betrachtung aufscheinen, unlösbar bleiben und in einem moralischen Dilemma münden. Denn das Sehen als Handlung führt zu Konsequenzen. (Dr. Pablo Schneider)

Bild und Entscheidung – Fallstudien und Analysen bildaktiver Strategien

Entscheidungsforschung wird beispielsweise in der Psychologie, in den Neurowissenschaften und in den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften betrieben. Insbesondere in der Politikwissenschaft und der politischen Theorie haben Untersuchungen strategischen Handelns gegenwärtig Konjunktur. Bilder und bildhafte Modelle spielen in diesen Forschungen jedoch kaum eine Rolle, obschon Sie aufgrund ihrer originären Körperlichkeit als Instrumente und Akteure maßgebliche Rollen in Entscheidungsprozessen spielen. Das Forschungsprojekt Bild und Entscheidung: Fallstudien und Analysen bildaktiver Strategien will einen Beitrag leisten, dieses Defizit zu beheben.

Entscheidungsprozesse in entwickelten Demokratien etwa geschehen auch auf Grundlage der Durchschaubarkeit, dass die Entschlüsse der politischen Akteure Überzeugungen der Gemeinschaft repräsentieren und umsetzen. Indem Bilder direkten Zugang zu tatsächlichen oder konstruierten Wirklichkeiten schaffen, verkürzen sie diese Differenz und werden selbst entscheidungsmächtig. Insbesondere in Krisen und Umbrüchen, in denen strategische Steuerung hinsichtlich einer ungewissen Zukunft notwendig erscheint oder Entschlüsse nicht mit hinreichender Gewissheit und Legitimität getroffen werden können, greift dieses Wirkprinzip der Bilder. Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, sowohl die Vorhersagbarkeit bildgestützter Handlungen zu verbessern, als auch einige Facetten des Visuell-Haptischen innerhalb von Entscheidungsprozessen herauszuarbeiten. Durch die Verbindung zum Forschungsschwerpunkt Denkbild Ellipse, das insbesondere durch bildliche Handlungsschemata angetriebene Entscheidungskonflikte der frühen Neuzeit untersucht, findet das Projekt mögliche historische Grundlagen. (Dr. des. Jan Konrad Schröder, Philipp Ruch)

Edgar Wind – Kunstwissenschaft und die Philosophie der Verkörperung

Edgar Wind (1900-1971) war Kunsthistoriker und Philosoph. Seine Herangehensweise an Objekte, Ideen und Vorstellungen wurde durch eine gleichsam organische Verbindung dieser drei Denkformen bestimmt. Winds intellektueller Antrieb bestand darin, eine Geschichte des Visuellen zu denken, welche diese nicht als passive Informationsaufnahme einzig über die Augen begriff, sondern als eine polare Grundspannung zwischen veräußerlichtem Motiv und verinnerlichter Betrachtung. Das Denkbild der Ellipse, prägend für den Kreis um den Hamburger Kunst- und Bildwissenschaftler Aby Warburg, erscheint auch in Winds Überlegungen. Die kunst- und bildhistorischen Beschreibungen sind, so Winds Überzeugung, nicht losgelöst von der jeweiligen Gegenwart, sondern hallen in dieser wirkungsvoll nach.
Der Arbeitsbereich befaßt sich eingehend mit dem Werk Edgar Winds und verbindet methodische, dem Werk immanente sowie biographische Betrachtungen miteinander. Neben der Herausgabe unpublizierter Schriften Winds wird parallel an einer Analyse seiner Methode, welche Kunstwissenschaft und die Philosophie der Verkörperung zusammen zieht, gearbeitet. (Dr. Pablo Schneider, Franz Engel)

Kooperationspartner: Dr. Martin Kauffmann, Bodleian-Library, Oxford (Edgar Wind Papers), Prof. Pascal Griener, Institut d’histoire de l’art, Université de Neuchâtel