Kolleg-Forschergruppe Bildakt und Verkörperung » Zielsetzungen

Zielsetzungen

Zielsetzungen

 

Thesen

 

Auf dem Fundament historischer Bildphänomene soll eine Bild- und Verkörperungstheorie entwickelt werden, die die Basis für die Erforschung aktueller Fragen von bildgebenden Verfahren, Bildverarbeitung und Verkörperungsfragen in den Kognitionswissenschaften bietet und damit das Verständnis des Reflexionsvermögens in seiner gesamten Bandbreite berührt. Bildakte und Bilder allgemein lassen sich – so die Arbeitshypothese – erst dann vollständig erklären, wenn ihre Form und Lebendigkeit, ihre Fähigkeit anderes zu vertreten und gegenstandslose Stimmungen darzustellen, auf der Basis einer Verkörperungstheorie untersucht werden. Dafür ist die Verbindung von historischer Bildwissenschaft mit Forschungsansätzen der Verkörperungstheorie in der Philosophie und der Kognitionswissenschaft unabdingbar.

Zentrale Thesen sind erstens, dass in jeder Bilderkennung die Augen nicht als Wahrnehmungsorgan isoliert werden können, sondern dass der gesamte Körper wahrnimmt, und zweitens, dass Bilder niemals nur abbilden, sondern immer auch im Bildakt erzeugen, was sie darstellen.

Kunstgeschichte und Philosophie

 


Die gemeinsam von Kunstgeschichte und Philosophie gestellte Aufgabe zur Erarbeitung einer Theorie des Bildaktes gliedert sich in drei, die Analyse strukturierende Felder: Erstens die Form, welche den Bildakt ermöglicht und dessen Dynamik in einer zeitlichen und örtlichen Dimension zu konservieren vermag, zweitens eine scheinbare Lebendigkeit und drittens die mögliche Personalunion von sprechendem Betrachter und Gegenstand. Ein Eckpfeiler jeder Bildtheorie ist die Diskussion um die Form, die auch im Zentrum der Kolleg-Forschergruppe steht. Auf der gleichen Ebene finden sich zwei Phänomene, die eine lange Tradition in der Bildgeschichte aufweisen, durch die sprachdominierte Erkenntnistheorie der letzten Jahrzehnte aber zunehmend an die Seite gedrängt wurden: Dies sind die Lebendigkeit von Bildern und die Substitution von Körper und Bild. Beide Bereiche wurden oftmals despektierlich in den Bereich der Bildmagie abgeschoben. Vermeintlich archaische Fragen wie die nach der Belebtheit von Bildern oder nach dem Verhältnis von Körper und Bild gewinnen dagegen aktuell größte Bedeutung in den Kognitionswissenschaften.

Die beiden Schwerpunkte »Bildakt« und »Verkörperungstheorie« sind aufs engste miteinander verklammert, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie dieselben drei Forschungsfelder bearbeiten (siehe Diagramm). Dies sind »Form«, »Lebendigkeit« sowie »Substitution«. Die beiden übergeordneten Schwerpunkte sind in ihrer Themenstellung eng an die wissenschaftlichen Leiter gebunden.

Um die Antragsteller in ihrer Arbeit zu unterstützen werden die drei Forschungsfelder von wissenschaftlichen Mitarbeitern betreut, die einzelne Projekte auf breiter empirischer Basis durchführen. Diese Projekte werden in enger inhaltlicher Absprache mit den Antragstellern konzipiert und dienen der spezifischen Materialerschließung, Verifizierung und Falsifizierung ihrer theoretischen Überlegungen. Ein besonderes Anliegen der Forschergruppe ist es, die Kommunikation der einzelnen Forschungsfelder untereinander auch langfristig zu gewährleisten.

BuV-Diagramm

Forschungsfeld Form

 


Gemäß der grundlegenden Definition Leon Battista Albertis (1404-1472) sollen unter Bildern alle Gebilde verstanden werden, die ein Minimum an menschlichem Eingriff aufweisen. Das Ergebnis dieser gestaltenden Prägung ist die Form. Sie stellt den Anfang und das Ende der Theorie des Bildakts dar.

Der fundamentale Anfang liegt in der Bindung zwischen Körperschema und Form. Die Bedeutung des Körperschemas für die Navigation in der Welt ist unbestritten; seine Rolle bei der Bildherstellung, dem Bildverstehen und den Bildakten ist dagegen wenig erforscht. Doch ist seine Relevanz dadurch schon erwiesen, dass selbst blindgeborene Menschen Bilder mit erhabenen Linien verstehen und herstellen können. Um die Bewegung des Körpers durch einen Raum zu steuern, muss das Nervensystem über eine Art Repräsentation – das Körperschema – verfügen, sowie über eine Karte des peripersonalen Raumes. Traditionell galt das Spiegelbild oder der Schatten als der Anfang der menschlichen Bildkompetenz. Die Grundformen der bildlichen Erkenntnis liegen jedoch tiefer. Die bewusste und unbewusste Bekanntheit des eigenen Körpers, die eine einheitliche Körperperformanz ermöglicht, erlaubt zugleich, dass sogar blindgeborene Menschen Bilder zeichnen können: sie verfügen auf Grund ihres Körperschemas über die Möglichkeit einer Formgebung.

Parallel dazu fokussiert die Kunstgeschichte im Forschungsfeld der Form den differenzierten Vorgang der Bildentstehung. Leonardo da Vinci hat dieses Phänomen oft beschrieben. Die freie Zeichnung vermag ihm zufolge Bilder hervorzubringen, die den Menschen mit der Plötzlichkeit und Nachhaltigkeit handelnder Wesen beeinflussen können. Sie kann einen affektiven Überschuss erbringen, der Wirklichkeit nicht nachahmt, sondern den Surplus einer Über-Wirklichkeit erzeugt.

Forschungsfeld Lebendigkeit

 


Ein Grundzug von Bildern ist, dass sie lebendig erscheinen. Auch natürliche Objekte können für Menschen belebt erscheinen, z.B. wenn in Wolken Gesichter wahrgenommen werden. Unabhängig von der physiognomischen Wahrnehmung oder der Objektdarstellung können auch abstrakte Bilder als lebendig erscheinen, wie etwa action paintings. Bis zum Ende der Frühen Neuzeit genoss die Verbindung von bildlichem Objekt und Aspekten der Lebendigkeit hohe Wertschätzung. Sie wurde aber mit der Hochachtung der Vernunft als einer allumfassenden Kategorie der Deutung im Zuge der Aufklärung des 18. Jahrhunderts marginalisiert. Bildern wurde Lebendigkeit und Eigenleben abgesprochen und damit eine Tradition zerschnitten, die bis in die Anfänge der Bildlichkeit zurückreicht. Mit den technisch avancierten Bildwelten der Gegenwart scheinen Vorstellungen von interner wie externer Lebendigkeit in der Praxis wieder auf, die in einer weiter gefassten Perspektive die Interpretation visueller Objekte bestimmen können. Gleichzeitig lassen sich gegenläufige Tendenzen beobachten, deren methodische Ausrichtung die Kombination von Faktoren der Lebendigkeit und denen der Bildlichkeit als irrational zu unterdrücken versucht.

Die Bildaktforschung schlägt hier eine Brücke zwischen älteren und neueren Auffassungen in der Beschreibung wie in der Deutung. Die leitenden Fragen der Philosophie dieses Themenfeldes sind: Inwiefern basiert die Tatsache, dass Bilder lebendig erscheinen, d. h. emotional expressiv (und nicht bloß starre Linien und Farbflecken) sind auf der Körperlichkeit des Menschen? Wie sprachunabhängig ist diese Wirkung, die insbesondere bei Gewaltbildern auffällt? Ist diese Wirkung unabhängig von symbolischen Prozessen insgesamt?

Forschungsfeld Substitution

 


Die Funktion, dass Bilder anderes vertreten können, beginnt mit der Verkörperung. Die Substitution von Körper und Bild oder Objekt und Bild ist ein altes Thema in der Kulturanthropologie und Religionswissenschaft, das heute Gegenstand neurologischer Forschung geworden ist. Veränderungen des Körperbildes (Bekleidung beim rituellen Tanz) können bereits zu veränderten Selbstempfindungen führen. Die Bekleidung gibt dem Tänzer ein neues Körperbild und neue Identität; in ähnlicher Weise werden Kultobjekte erlebt als der Sitz von Geistern.

Der Verbindung zwischen einem Objekt und einer als Fürsprecher zu deutenden Person eröffnet die mit dem Bildakt gegebene Möglichkeit der Substitution. Ohne diese könnten die tiefgreifenden Mechanismen der Repräsentation in ihren politischen wie sozialen Wirkungsabsichten und Ereignissen nicht funktionieren. Hieraus begründet sich die fundamentale Identität von Körper und Bild, welche die Beschreibung und Interpretation des Vorgangs wie des Gegenstandes zu bestimmen im Stande ist. So erscheint eine verhängnisvolle Form der Substitution in der Übertragung terroristischer Hinrichtungsvideos, welche nichts als ihre bloße Existenz und die des Ereignisses bezeugen. Die Bilder stehen für die Tat, und in der Gegensicht sind die Taten überhaupt erst von der Möglichkeit der Visualisierung motiviert. Die Frage, warum es nicht auch denkbar wäre, dass diese Bilder – wie zahllose vergleichbare Szenen in Spielfilmen – simuliert sind, verweist auf die Mechanik der Substitution, die es erlaubt, in diesen Bildern kein Abbild der Tat, sondern die Tat selbst zu sehen.